Mir schnürt es den Magen zu. Ich drücke mich ewig lange davor zu lernen – aus Angst, dann zu bemerken, dass das, was ich noch nicht kann, in der verbleibenden Zeit nicht mehr zu lernen ist. Das wiederum führt dazu, dass mir noch weniger Zeit bleibt, wenn ich mich dann endlich dransetze. Und das erhöht den Druck. Auch auf meinen Magen. Sobald ich vor den Lernunterlagen sitze, wird mir übel. Ich kann dann oft auch nichts mehr essen. Nachts liege ich lange wach, nur um dann nach 4 Stunden Schlaf aufzuwachen, völlig fertig zu sein, aber nicht mehr einschlafen zu können. Meine Gedanken rattern und ich habe große Angst, durch die Klausuren zu fallen, das Studium nicht zu packen, zu schlecht zu sein: zu versagen.

Bei anderen mögen es andere Symptome sein, aber die Angst zu versagen nimmt nicht selten den ganzen Körper ein. Das macht hilflos: Selbst, wenn man ja eigentlich mit seinen Mustern brechen und seine Einstellung ändern möchte, ist man rein physisch nicht dazu in der Lage. Der eigene Körper liefert einen immer wieder der Angst aus. Und die Zeit, die man dadurch verliert, investiert man in die Fütterung des schlechten Gewissens und – wenn es ganz blöd läuft – darein, Selbsthass zu schüren, weil man es mal wieder nicht gebacken bekommt. Wie kommt man aus diesem Loch nur wieder raus?

Das Internet ist voll von Artikeln über Atemtechniken, Meditationen und autogenes Training gegen Angst und Aufregung. Die können bestimmt dem ein oder anderem helfen. Darum soll es hier jedoch nicht gehen, für mich waren sie nämlich mehr wie ein Pflaster auf einer tiefen Stichwunde. Wissen hingegen ist Macht, und Macht ist das Gegenteil von ausgelieferter Hilflosigkeit. Was also ist „Angst“ überhaupt, warum überkommt sie uns und wo kommen Gefühle überhaupt her?

Die Gefühle verstehen.

Unser Gehirn besitzt Neuronengruppen für Reaktionen wie Lachen, Frieren, Flucht und Angriff, aber keine Neuronengruppen, die für Gefühle zuständig sind. Stattdessen arbeitet es für die interne Wahrnehmung mit der gleichen Mustererkennungssoftware, wie für die externe Wahrnehmung:

Der Grund, warum wir in „: )“ (bzw. für alle Langzeitstudis unter euch „:-)“ ) ein Gesicht erkennen können, ist die Fähigkeit unseres Gehirns, Muster zu suchen und sie durch unseren Erfahrungsschatz zu vervollständigen. Unser Gehirn gleicht also ab, was es noch kennen könnte, das in ähnlicher Anordnung zwei markante Punkte und ein geschwungenes Halbrund aufweist – und erinnert sich daran, dass es in seinem Leben schon häufig Gesichtern begegnet ist.

Für unsere interne Wahrnehmung bedeutet dies, dass das Gehirn physische Signale wahrnimmt und sie in einen Kontext setzt. So wie also der Abstand der Formen im Smiley eine Rolle dabei spielt, ob wir ihn als Gesicht wahrnehmen oder nicht, betrachtet das Gehirn den Abstand der physischen Reaktion zu vorangegangenen und kommenden Ereignissen, die damit im Zusammenhang stehen könnten. Etwas vereinfacht gesagt, kann ein erhöhter Herzschlag nach dem Öffnen eines ersehnten Geschenkes dann als „Freude“ interpretiert werden, vor einer Mathearbeit hingegen als „Aufregung“. Das Signal ist das gleiche, unser Gehirn ist durch unsere Erfahrung jedoch darauf konditioniert, welches Muster es darin erkennen soll.

Den Körper verstehen.

Wenn wir Stress empfinden, bewirkt die Stresshormonausschüttung in unserem Körper so einiges. Unter anderem wird auch unser Sympathikus angeregt. Er ist ein Teil des vegetativen Nervensystems und damit nicht bewusst steuerbar. Er sorgt für eine erhöhte Leistungsbereitschaft im Körper, indem er Vorgänge so steuert, dass eine schnelle Reaktion auf äußere Reize ermöglicht wird: Die Herztätigkeit, der Blutdruck, der Stoffwechsel, die Bereitstellung von Energie durch den Abbau von Kohlenhydraten sowie die Schweißdrüsensekretion werden gesteigert, die Darmtätigkeit, die Blasenfunktion und die Tätigkeit von Speichel- und Bauchspeicheldrüsen werden gehemmt.

Das bedeutet für uns, wir sind unserer Angst nicht ausgeliefert. Wenn wir Gefühle durch Interpretation von Körpersignalen selbst machen, dann haben wir auch die Möglichkeit sie zu beeinflussen. Das ist gewiss nicht einfach, denn die eingefahrenen Spuren von jahrelanger Konditionierung sind tief, aber wir sind nicht machtlos dem Körper untergeordnet. Wenn wir nicht essen können, häufig auf Toilette müssen und unser Herz wie wild pocht, muss dies nicht bedeuten, dass wir Panik empfinden. Stattdessen kann unser Körper uns aufgrund des angeregten Sympathikus auch einfach die bestmöglichen Möglichkeiten bieten wollen, so aufnahmefähig wie möglich zu sein, um unser Ziel zu erreichen. Unser Körper arbeitet nicht gegen uns, sondern mit uns. Es ist nur die Frage, wie wir die Symptome deuten können.

Das Gedanken-Karussell anhalten.

Abgesehen von den ganzen physischen Einflüssen steht natürlich auch unser Gedanken-Karussell häufig nicht still. Schuld daran kann der sogenannte „Zeigarnik-Effekt“ sein. Er besagt, dass man sich an unterbrochene Gedanken und unvollendete Aufgaben besser erinnert, als an etwas, das das Gehirn abgehakt hat. Darum kann es bei einem Ohrwurm helfen, den Songtext ganz zu lesen, oder das Lied noch einmal von vorne bis hinten zu hören. Dann kann das Gehirn diesen Gedanken innerlich abhaken und zu Neuem voranschreiten.

Steht uns eine Klausur bevor, werden wir automatisch unentwegt an unsere Gedanken ums Bestehen oder Nichtbestehen erinnert. Wie es weiter geht, wenn wir bestehen, ist meist klar, die Prüfungsordnung widmet sich dem ziemlich explizit.  Denken wir aber so etwas wie „… und wenn ich dann durchfalle, habe ich versagt und was dann kommt – daran will ich gar nicht denken“, greift der Zeigarnik-Effekt und wir werden immer wieder daran erinnert, dass wir durchfallen könnten. Es kann also helfen, tatsächlich daran zu denken, wie es weiter gehen würde, wenn wir durchfallen: Mache ich die Klausur einfach nochmal, breche ich dann ab und habe die Chance etwas Neues zu finden, was mich glücklicher machen könnte, als das, was ich bisher tue? Auch wenn es nicht nur Positives ist, es macht viel weniger Angst, wenn einem ein Nichtbestehen nicht wie ein Ende vorkommt, weil man weiß, was danach passieren kann. Denn das bedeutet es geht weiter. Und möglicherweise ist Aufgeben dann auch nicht mehr attraktiver als Scheitern, da man dann alles gedanklich abhaken kann und nicht mit der Frage leben muss, ob es vielleicht geklappt hätte – denn das ist der schlimmste Zeigarnik-Effekt von allen.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie Gefühle entstehen, dem sei das Buch „How Emotions are made: The secret Life of the Brain“ von Neurowissenschaftlerin und Psychologin Lisa Feldman Barrett ans Herz gelegt.